(-;-) GzN

(-;-) aufgenommen via Integrated Circuit Recorder & zeitverzögert vertextet

Die Kollegin der Lieblingshausfliege
Sie hat das Haus verlassen. Nach draußen, in die Natur, in die Freiheit. Sie, die Kollegin meiner Lieblingshausfliege. Sie, die so ähnlich war, wie die Kollegin meines Lieblings(haus- und hof)hundes. Ich spreche diese Zeilen im Liegen. Ich liege auf einer Zweisitzer-Couch, der Kopf zum Fenster zu meiner Linken, die Beine irgendwie auf die Lehne am Ende gen Süden. Ich schaue nach oben und entdecke sie - meine Lieblingshausfliege. Sie ist schon so lange da und ich kenne bisweilen gar nicht ihr Geschlecht. Ich kannte auch nicht das Geschlecht ihrer Kollegin, die jetzt verschwunden ist. Seit Tagen haben sie mich begleitet, genauso wie mich jahrelang zwei Lieblingshunde begleitet hatten. Die Kollegin meiner Liebsten verließ das Haus, doch nicht weit entfernt vom Hof hat sie ihre Ruhe gefunden. An einem Ort, wo sie mit mir bereits die letzten beiden Tage ihres Dasein verbrachte, wollte sie doch schon gar nicht mehr ins Haus. Draußen war die Luft reiner, das Atmen fiel ihr einfacher, und dennoch konnte sie sich nicht mehr so recht und für längere Zeit hinlegen. Die Wassereinlagen machten ihr es schwer. Sie muss die letzten zwei Tage nicht mehr richtig geschlafen haben. Apathie war in ihren Augen zu sehen, mit allem Recht. 

Ich denke diese Gedanken und sehe die Bilder, die ich beschreibe, mit offenen Augen. Und mit diesen sehe ich auch meine Lieblingshausfliege. Sie sitzt da - sitzen fliegen? - auf der Schräge mit Holz vertäfelt. Bewegungslos. So wie ich. Vielleicht schon seit Stunden. Seit Minuten bewege ich meinen Mund und spreche in dieses Gerät. Er wird trocken werden. Er ist es schon, wenn ich darüber spreche. Ich habe Durst, aber keine Lust zu trinken - wie die Kollegin meines Lieblingshundes. Das letzte was sie aß war eine halbe Kirsche aus dem Garten, der Kern war ein Teil ihrer Grabbeigabe. Das letzte was sie trank war ein Schluck Sojamilch mit Vanillegeschmack aus meiner linken Hand. Das Letzte was sie spürte war meine linke Hand an ihrem Herzen. In meinen Armen sank sie in sich und entschlummerte; als die Sonne im Zenit stand machte ihr Herz den letzten Schlag.

Die Lieblingshausfliege kümmert das wenig. Sie sitzt und sitzt und trotzt der Müßigkeit. Sie macht nichts und bewegt mich doch und mein Gemüt, das nun eigentlich schlafen müsste. Ich tat es indes schon. Ich schlief am Nachmittag über zwei Stunden. Ich sollte nicht müde sein, so wie mein Geist müde ist. Ein Schleier hat sich auf meiner Stirn gebildet, der mich noch lange begleiten wird. Wenn Fliegen mit vermeintlichen Nichtstun Musen sein können, was bewirkte dann die Kollegin meines Lieblingshundes mit mir? Ich muss mich ausruhen. Ich habe ein Buch über eine Fliege im Auto geschrieben und habe doch keine Ahnung von Fliegen. Am Ende bin ich nichts mehr als ein billiger Sterbegleiter, der sich jetzt eine Fliege an der Wandschräge anschaut, die sich weiterhin nicht bewegt. Ich denke, sie vermisst ihre Kollegin ebensowenig wie ... alle anderen Lebewesen, die im Momentum existieren und doch nicht den Freitod wählen können. Am Ende ist und bleibt alles nur postfaktisches Gedankengut. 

Macht es gut, KollegInnen. Amoi seg' ma uns wieder.

(aufgesprochen am 26. Juni 2017 um 23:30h)

      
4 Gedankenkommentare
  
Ronny Thamm 'schrub' am 28. Juni 2017 um 06:46 folgende Gedanken:

Ich kann es nicht in Worte fassen, und doch werde ich es versuchen. Ersteinmal mein aller herzlichstes Beileid. Ich glaube das Lied "Amoi seg ma uns wieder" von Andreas Gabalier triift es sehr gut. Sie wird auf dich da oben warten, und solange über dich wachen.

Ich wünsche dir viel Kraft für die kommende Zeit.

Dein Weltenbummler Ronny

Alexander Glas 'schrub' am 28. Juni 2017 um 21:01 folgende Gedanken:

AG's Lied trifft es in der Tat, meine Interpretation ist allerdings eine andere, sogar wenn ich es daheim nur von Xavier Naidoo habe. Alles stirbt, aber niemand ist tot ... ich will mich hier und jetzt jedoch nicht wiederholen - daher: Danke dir, Ronny.

Anonym 'schrub' am 30. Juni 2017 um 00:47 folgende Gedanken:

Es tut mir sehr Leid. Wir kennen uns nicht, aber ich empfinde, was du fühlst.
Ein 'Sterbebegleiter' ist ein Liebeschenker, und das ist viel!
:)

Alexander Glas 'schrub' am 30. Juni 2017 um 20:11 folgende Gedanken:

Oh, das ist aber herzlich. Vielen Dank, so habe ich das noch nie betrachtet. Und es stimmt.

Welche Farbe schwingt dein Wort? ↳ K()m|\/|e|\|t|€r[- es ↵

Und/oder: T[-I↳€ ↙es↘ Ergebensten Dank.